Es fehlt an Lehrern für die Flüchtlinge in Salzburg

von Thomas Hödlmoser | Salzburger Nachrichten vom 07.01.2016 >>>

Zu wenig Sprachförderung, zu wenig psychologische Hilfe: Die Betreuung der Flüchtlingskinder funktioniere mehr schlecht als recht, sagen Pädagogen.

19 Schüler sitzen in der vierten Klasse einer städtischen Neuen Mittelschule. Elf von ihnen sind Flüchtlinge. Sie sind ohne Deutschkenntnisse nach Salzburg gekommen, auch Englisch können nicht alle. Stundenweise werden die jungen Flüchtlinge in einer Deutsch-Förderklasse zusammengefasst, wie eine Lehrerin der Schule berichtet. Das Unterrichten sei sehr schwierig: “Die sitzen drinnen und verstehen Bahnhof.”

Es brauche ein gänzlich anderes System, sagt die Pädagogin. Zuerst müssten die Kinder ordentlich Deutsch lernen und dann erst auf die regulären Klassen verteilt werden. Aber für den Sprachunterricht gebe es zu wenig Ressourcen.

Hört man sich in Lehrerkreisen um, hört man diese Klage häufig. Offen zugeben will das aber kaum jemand, am allerwenigsten die Direktoren, die um den Ruf ihrer Schulen fürchten.

wolfgangEiner von denen, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen, ist just ein Grüner – Lehrergewerkschafter Wolfgang Haag. Manche Schüler würden im normalen Unterricht nicht viel mehr tun können, als die Zeit abzusitzen, sagt Haag. “Wer kann denn von uns Lehrern Arabisch? Der Schüler sitzt dann halt in der Klasse und schaut in sein Handy. Es ist ein Riesenproblem.” Schon jetzt hätten in der Stadt Salzburg mehr als die Hälfte der Pflichtschüler nicht Deutsch als Muttersprache. 2007 waren es noch rund 30 Prozent. Seit damals sei die Zahl der Sprachförderstunden aber gedeckelt, sagt Haag. “Es war schon ohne Flüchtlinge dramatisch, weil man mit den Ressourcen hinten und vorne nicht zusammenkommt.” Die Lehrerinnen und Lehrer täten ihr Möglichstes, sagt Haag. Aber das reiche nicht.

Seit September sind allein in der Stadt Salzburg rund 140 Kinder von Flüchtlingen bzw. Zuwanderern neu dazugekommen. Das sind fast so viele wie im gesamten Schuljahr 2014/15. Unter den Flüchtlingen sind vor allem Kinder aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Somalia.

Sigi Gierzinger, der Vorsitzende der Personalvertretung der Pflichtschullehrer, hat mittlerweile eine ganze Liste von Forderungen an die Schulbehörden: zusätzliche Sprachförderstunden, psychologische Betreuung und stundenweisen Einsatz von Zweitlehrern an Volksschulen. Zudem brauche es dringend eine Richtschnur für den Unterricht mit konkreten Lehrbeispielen und Lehrmaterial für den Schulalltag mit Flüchtlingskindern.

Wer bezahlt die Schulbücher?

Viele Fragen seien nach wie vor ungeklärt, sagt Gierzinger. Bekommt das Flüchtlingskind Schulbücher? Wenn ja, von wem? Wer bezahlt die Schulsachen? Können Lehrer die benötigten Bücher über die Schulbuchaktion bestellen? Wer gibt Auskunft über den derzeitigen Status der Asylbewerber? Wie können Lehrer mit den Eltern in Kontakt treten, wenn diese weder Englisch noch Deutsch sprechen? Und gibt es eine Anlaufstelle für organisatorische Fragen?

Doch auch die Behörden haben auf vieles keine Antworten. Das beginnt schon bei der Frage nach der Zahl der im gesamten Bundesland aufhältigen Flüchtlingskinder, die “beschult” werden müssen. Exakte Zahlen gibt es nicht. Grund seien datenschutzrechtliche Bestimmungen, sagt der zuständige Flüchtlingskoordinator für die Schulen, Landesschulinspektor Josef Thurner.

Deshalb seien im Schulverwaltungsprogramm keine Angaben über Asylbewerber enthalten. Rückschlüsse auf deren Zahl seien nur über die Zahl der “außerordentlichen Schüler” möglich.

Das wiederum sorgt bei Lehrervertretern für Unverständnis. “Unser riesiger Behördenapparat kann uns nicht einmal sagen, wie viele Flüchtlingskinder wir haben”, kritisiert Gierzinger. “Da frag ich mich – wie soll ich da eine seriöse Planung machen, wenn ich nicht einmal weiß, wie viele Kinder da sind?”

Probleme gibt es nicht nur in den Schulen, sondern auch in der Nachmittagsbetreuung. “Es ist eine schwierige Situation, es sind sprachliche Barrieren da”, sagt Wolfgang Neubacher, Obmann des Vereins Freizeitbetreuung. “Wir bräuchten zusätzliche Gruppen, die aber nicht genehmigt werden.”

Der Grund dafür ist, dass die Personalzuteilung sowohl für die Schulen als auch für die Nachmittagsbetreuung auf Basis der Schülerzahlen vom 1. Oktober festgelegt wurden. Seitdem kommen aber laufend neue Schüler dazu.

Sprachenlehrer gesucht

Der Forderung nach mehr Personal vor allem in der Sprachförderung schließt sich auch Neubacher an. “Was wir weiters bräuchten, sind Muttersprachenlehrer. Man kann sich mit den Kindern oft sehr schwer verständigen.” Die Flüchtlingskinder hätten oft jahrelang keine Schule mehr von innen gesehen. “Zu glauben, man hat die in einem halben Jahr integriert, ist eine falsche Ausgangshaltung. Da sind sie vielleicht im Schulbetrieb drin – sie sind aber noch lange nicht in unsere Kultur integriert.”

Beim Landesschulrat hofft man auf zusätzliche Mittel aus Wien – da seit dem Stichtag 1. Oktober die Schülerzahlen gestiegen seien. “Ich hoffe doch, dass wir aufgrund der Differenzen zusätzliche Ressourcen bekommen”, sagt Thurner. Außerdem sei es nicht das erste Mal, dass die Schulen vor einer solchen Herausforderung stünden. “In der Balkankrise kamen auch viele Kinder ohne Deutschkenntnisse.” Aus dem Büro des zuständigen Landeshauptmanns Wilfried Haslauer (ÖVP) heißt es dazu, es gebe “Willkommensklassen” für die “adäquate Ausbildung von noch nicht alphabetisierten Kindern”.

Allerdings, so wenden Kritiker ein, gebe es solche Willkommensklassen nicht an allen Schulstandorten.

Veronika Maria, die Sprecherin von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), betont: “Wir schauen, dass die Ressourcen kommen, aber das geht nicht von einem Tag auf den anderen.” Geld könnte es etwa aus dem Integrationstopf der Bundesregierung geben. Über die Aufteilung soll im Jänner entschieden werden.

Bookmark the permalink.

2 Responses to Es fehlt an Lehrern für die Flüchtlinge in Salzburg

  1. Ottokar Heizer says:

    “Einer von denen, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen, ist just ein Grüner – Lehrergewerkschafter Wolfgang Haag. Manche Schüler würden im normalen Unterricht nicht viel mehr tun können, als die Zeit abzusitzen, sagt Haag. “Wer kann denn von uns Lehrern Arabisch? Der Schüler sitzt dann halt in der Klasse und schaut in sein Handy. Es ist ein Riesenproblem.” Schon jetzt hätten in der Stadt Salzburg mehr als die Hälfte der Pflichtschüler nicht Deutsch als Muttersprache. ”

    Bin wirklich überrascht, daß sich nunmehr hetzerisches und nationalistisches Gedankengut auch bei den Grünen ausbreitet ..

    • Reinhard Breitner says:

      Was hat die Forderung der Personalvertretung nach mehr Ressourcen und mehr Personal für die Betreuung von Flüchlingskindern mit hetzerischem und nationalistischem Gedankengut zu tun?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.